Wirtshauskultur Bayerischer Wald Stammtisch, Gemütlichkeit & Rauchtraditionen
Wirtshauskultur im Bayerischen Wald: Zwischen Stammtisch, Rauchtraditionen und zeitgemäßer Gemütlichkeit
Das Wirtshaus hat im Bayerischen Wald über Generationen hinweg eine bedeutende Rolle gespielt. In der Region zwischen Regen, Deggendorf und der tschechischen Grenze findet man Gasthäuser, wo Alltag, Feste und lokale Politik miteinander verwoben sind. Gäste, die hier einkehren, begegnen einer Kultur, die stark von festen Ritualen geprägt ist – vom vertrauten Platz am Stammtisch bis hin zum Zigarettenetui, das der Wirt stets in der Brusttasche trägt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich viel verändert, doch die grundlegenden Elemente der Wirtshauskultur sind erhalten geblieben.
Der Wirtshaus Stammtisch als gesellschaftlicher Mittelpunkt des Dorfes
Der Stammtisch im Bayerischen Wald ist weit mehr als nur eine reservierte Sitzecke. Er dient als informelles Forum, in dem Themen wie das Vereinsleben, die Arbeit im Wald, die Landwirtschaft und die Kommunalpolitik diskutiert werden. Viele Wirtshäuser kennzeichnen ihre Stammtische mit einem kunstvoll geschnitzten Wappen, einer Messingtafel oder einer Wimpelkette. In den kleineren Dörfern rings um Bodenmais, Zwiesel oder Grafenau ist der Stammtisch häufig der Mittelpunkt der wöchentlichen Kommunikation zwischen Handwerk und Vereinen, zwischen Vereinen und Feuerwehr. Wer neu dazukommt, wird nicht gleich aufgenommen, die Tore gehen auf über Bekannte, über gemeinsame Arbeit im Wald, über die Mitgliedschaft in einem Schützenverein. Diese Dichte des sozialen Umfeldes macht die Wirtshäuser der Gegend zu einem eigenen Kulturraum mit ungeschriebenen Gesetzen.
Von der Rauchstube zum rauchfreien Gastraum in den Bayerischen Gaststätten
Bis in die frühen 2000er Jahre hinein gehörten Zigarettenrauch und Zigarrenqualm in den Wirtsstuben zum alltäglichen Bild. In vielen Bauernwirtschaften wurde Tabak aus der eigenen Schachtel geraucht, HB, Lord Extra oder Marlboro Gold lagen neben dem Bierdeckel. Heute wird im süddeutschen Raum nach wie vor stark konsumiert, allerdings überwiegend im Außenbereich und in den Privaträumen. Der rechtliche Rahmen für die Inanspruchnahme dieser Räume wurde am 1. Mai 2010 geöffnet. Bereits im August 2010 trat in Bayern das durch Volksentscheid am 4. Juli 2010 angenommene Gesundheitsschutzgesetz in Kraft. Seither gilt in bayerischen Gaststätten, unabhängig von ihrer Größe, ein ausnahmsloses Rauchverbot in Innenräumen. Damit zählt Bayern neben Nordrhein-Westfalen und dem Saarland zu den Bundesländern mit den schärfsten Regelungen. Für die Wirtshäuser im Bayerischen Wald bedeutete dies eine drastische Umstellung. Aschenbecher verschwanden von den Tischen, Nikotinbeläge an Holzdecken wurden bei Renovierungen beseitigt, und die gute alte verrauchte Bauernstube gehört heute der Vergangenheit an, sie ist eine schöne Erinnerung, aber keine gelebte Wahrheit mehr.
Biergarten, Nebenraum und die neue Gemütlichkeit in den Waldler Wirtshäusern
Mit dem Rauchverbot haben sich die Möglichkeiten der Nutzung der Außenflächen verändert. Der Biergarten, dort meist mit Kastanien, Linden oder Holzterrassen überdacht, wird jetzt zum zentralen Aufenthaltsort für die Raucher. Viele Wirte haben die Terrassen erweitert, mit Heizstrahlern versehen und mit Glas gegen den Wind geschützt, damit auch in der kalten Jahreszeit ein Aufenthalt möglich bleibt. Eine Ausnahme vom Rauchverbot sieht das Gesundheitsschutzgesetz nur für geschlossene Gesellschaften vor, also für private Feiern, zu denen ein bestimmter Personenkreis geladen ist. In der Praxis wird diese Möglichkeit selten genutzt, denn sie ist an Auflagen gebunden. Gleichzeitig hat sich bei vielen Waldler Wirtshäusern das Interieur geändert. Meist wurde hier renoviert und modernisiert – die Kachelöfen, Holzvertäfelungen und schweren Eichentische blieben, dafür kamen zeitgemäße Lüftungstechnik und LED Beleuchtung dazu. Die Gemütlichkeit bleibt, sie ist jetzt nur besser belüftet.
Regionale Küche als zweite Säule der Wirtshauskultur
Im Bayerischen Wald sind es Bärwurzbraten, Kartoffelknödel mit Schwammerlsauce, Krautwickerl, Böhmische Knödel und Wild aus heimischen Revieren, die dazu beitragen. Viele Betriebe kooperieren mit Metzgereien und Landwirten in der Umgebung. Die Auszeichnung als Bayerischer GenussWirt oder die Mitgliedschaft im Netzwerk Wirtshauskultur, zu dem auch der Bayerische Hotel und Gaststättenverband DEHOGA Bayern zählt, gibt Reisenden eine Idee von Wirtshäusern, die möglichst viel von ihren Lebensmitteln aus der Region beziehen und die auch einige Rezepte alter Traditionen in ihrer Küche pflegen. Bei den Getränken sind vor allem kleinere Brauereien wie Falter in Regen oder Lang Bräu in Freyung oder auch Hutthurmer aus dem Passauer Land und etliche mehr willkommene Ergänzung zum Angebot der großen Marken. Der Bezug zu lokalen Erzeugern ist im Bayerischen Wald am stärksten ausgeprägt, weil die kurzen Wege in der strukturschwachen Gegend zugleich noch ein wirtschaftliches Argument sind.

Regionale Küche gehört zur Wirtshauskultur in Bayern – traditionelle Gerichte wie Schweinebraten mit Knödel und Kraut
Wirtshauskultur und Traditionsgasthof – Wandel des Publikums und Rolle des Tourismus in Bayern
Das Publikum hat sich gewandelt. Neben den einheimischen Stammgästen sitzen heute alle Wanderer aus dem gesamten deutschen Sprachraum, tschechische Tagesausflügler und Wohnmobilreisende aus den Niederlanden an den Tischen der Gaststuben. Jährlich kommen mehr als 1,3 Millionen Besucherinnen und Besucher in den Nationalpark Bayerischer Wald. Der Nationalpark, 1970 als erster deutscher Nationalpark gegründet, zieht jährlich mehr als 1,3 Millionen Besucherinnen und Besucher an. Ein Teil davon sucht gezielt Wirtshäuser mit regionalem Profil, ein anderer Teil stößt zufällig darauf. Die Wirte reagieren darauf mit zweisprachigen Speisekarten, mit veganen Alternativen wie Semmelknödeln mit Steinpilzragout, auch mit den neuen Zahlungsmitteln, die sie anbieten, gleichzeitig aber auch mit den traditionellen Größen der Region, ohne die ein Aufenthalt für Reisende wenig anziehend wäre. Der Stammtisch bleibt reserviert, die Bedienung spricht Dialekt, im Nebenraum ist die Vereinsversammlung, im Hauptraum sind die Einkehrwanderer. Diese Mischung aus Beharrung und Anpassung macht deutlich, warum die Wirtshauskultur im Bayerischen Wald trotz Rauchverbots, trotz Fachkräftemangel, trotz Wandel der Freizeitgewohnheiten weiterlebt und den Reisenden erneut einen hinreichenden Grund bietet, die Landschaft nicht nur wegen ihrer Schönheit zu besuchen, sondern auch wegen ihres Gasthauses.



